Verfasst von: Hao | 15. Januar 2014

Gnadenzeiten


Mittwoch, 15.Januar 2014

Fürwahr, er trug unsre Krankheit und lud auf sich unsre Schmerzen. Wir aber hielten ihn für den, der geplagt und von Gott geschlagen und gemartert wäre. Jesaja 53,4

Jesus Christus ist die Versöhnung für unsre Sünden, nicht allein aber für die unseren, sondern auch für die der ganzen Welt. 1.Johannes 2,2

Ob ich es nun wahrhaben will oder auch nicht. Nun ist es amtlich: Während bei fast allen anderen Krankheiten sich nach der Heilung alles wieder im Normalzustand einpegelt, verhält sich der Krebs eben anders. Pausen sind in besonderer Form Gnadenzeiten und sicherlich auch damit verbundene Lebenszeiten, denn diese Krankheit kann zu jeder Zeit von heute auf morgen wieder ausbrechen. Gestern habe ich es erfahren, sah mich aber nicht mehr in der Lage diese gravierende Veränderung in meinen Blog, der schon fertig war, einfließen zu lassen.

Krankenhaus

Das Ergebnis der Biopsie ist eindeutig. Das alte Mantelzell-Lymphom hat sich wieder rücksichtslos im Knochenmark breitgemacht. Welcher Krebs ist denn schon rücksichtsvoll, sodass er noch die Bildung neuer Blutplättchen zulassen würde? Ursprünglich sollte erst am Wochenende mit der Chemo angefangen werden, doch man hat sich entschlossen, bereits heute zum Gegenangriff zu blasen. Jetzt zählt auch etwas die Zeit, denn eigene Blutplättchen kann ich schon nicht mehr vorweisen.

Blut ohne Jutta

Nein, in meinem Krankenhauskobel und auch in meinem Leben gibt es nicht das bekannte Rad, an welchem ich eigentlich drehen müsste. Mein Rad ist Jesus, ist mein Glaube, auch wenn er mir langsam immer „unheimlicher“ wird. Die Diagnose dringt an mein Ohr, dennoch fühle ich mich so aufgefangen, dass ich weiter zum Tagesgeschehen übergehen kann. Da ist auch nicht das kleinste Kaninchen, was der Krebsschlange in die Augen schaut und starr vor Angst oder Sorge wird. Es ist wie kurz vor einer langen Urlaubsreise, auf die man sich schon lange vorbereitet hat. Keine Angst vor Dieben oder Unglücken oder anderen Unwegsamkeiten, die auftreten könnten.

Schlange

Nun will ich nicht verhehlen, dass ich nicht das Bergische Sonnenscheinchen bin, die rheinische Frohnatur, der Dünnbrettbohrer in Sachen Krebs. Nein, ich zähle mich zu den Menschen, die, auch wenn sie anfangen aus den letzten Löchern zu pfeifen, ihr  Apfelbäumchen „Made in Wittenberg“ noch pflanzen.

Bernd mit Baum

Ne, ich bin bestimmt nicht stark, protze auch nicht rum. Ich nehme nur das in Anspruch, was ich in meinem Leben gehört und unzählige Male auch gepredigt habe. Würde ich mich jetzt nicht selbst darauf verlassen, würde ich Jesus mehr als lächerlich machen.

Und so trete ich diesen nicht einfachen Weg an, weil ich weiß, dass Jesus dabei ist, dass er auch mein Mantelzell-Lymphom getragen hat und trägt. Nein, die alttestamentliche Losung brauche ich nicht passend zu machen. Sie passt wunderbar zu dem heutigen Tag.

Zum Ablauf: Ich beginne heute mit einer Chemo, sie läuft über sechs Monate und findet alle 4 Wochen statt. Es bestehen wohl keine Bedenken, dass ich diese stationär wieder in Braunschweig erhalte, weil ich gebeten habe, aufgrund meiner Lebensumstände diese nicht ambulant durchzuführen. Somit fällt der Kirchentag in Regensburg ersatzlos ins Wasser, der Kurzurlaub mit dem Stellwerk unter Umständen auch. Bei den diesjährigen Messebesuchen werde ich ebenfalls kürzer treten müssen.

Cebit 2012_131

Das Leben geht weiter, auch heute, da steht um 7.30 Uhr schon mein Ferrari auf der Matte, um mich zum CT zu bringen. Nicht mal 5 Minuten dauert diese absolut schmerzfreie Untersuchung des Kopfes und Halses.

Röhre

Anschließend schiebt man mich auf den Flur gegenüber der Eingangstüre. Ich nutze die 15 Minuten Wartezeit, um mir die Menschen näher anzusehen, die das Haus betreten. Da sind die unzähligen Weißkittel, die einen sehen recht zerstreut aus, die anderen plappern munter vor sich hin. Sie gehen aufrecht, haben einen zielstrebigen Gang mit entsprechendem Tempo. Da sind die „normalen“ Angestellten, sie gehen schon etwas langsamer, aber auch aufrichtig, nicht suchend. Zum Schluss kommt die Armada von kranken Menschen, die sich in der Strahlenklinik therapieren lassen wollen bzw. müssen.

Rostocker Menschen_14

Sie haben einen absolut anderen Gesichtsausdruck, gehen viel langsamer, bedächtiger, humpeln zum größten Teil, sind alle gekennzeichnet durch schwere Krankheit. Aus dem Pulk der Kranken löst sich ein älterer Herr und kommt auf mich zu. „Was machen sie denn hier?“ Ich stutze und erkenne ein Mitglied meiner Braunschweiger Krebsgruppe. Wir schauen uns vertrauensvoll in die Augen. Beide fühlen einen Schmerz, den nur Krebskranke miteinander teilen können. Wir wünschen uns alles Gute.

Abschiedsbilder_13

Jetzt sehe ich mich um und merke, dass ich doch nahe am 2 LennepWasser gebaut bin. Über mir eine große Brüste von, ich kann es kaum glauben, Conrad-Wilhelm Röntgen, dem größten Sohn meiner Heimatstadt Remscheid-Lennep. Ich lasse meine Erinnerungen fließen und schäme mich meiner Tränen nicht. Nur 300 Meter Luftlinie von meinem Geburtshaus stand seine Wiege. Das zieht vielleicht rein. Kann ich etwas für meine Sensibilität?

Roentgen

Heute geht alles viel langsamer als gestern. Das Duschen dauert eine Ewigkeit, das Frühstück schmeckt auch nicht so sonderlich, was aber ausschließlich meinem Allgemeinzustand zuzuschreiben ist.

Ich bin schlapp, der Blutverlust wird durch Nachschub aufgeholt, ich fühle mich im Bett an der genau richtigen Stelle.

Susan steht vor meinem Bett. Wie ich mich freue. Die Mitarbeiterin des Stellwerks, die meine Essgewohnheiten gut kennt, verwöhnt mich mit leckerem Müsli. Sie kämpft mit den Tränen, als ich ihr von der jüngsten Krankheitsentwicklung berichte. Es tut gut, hautnah echtes Anteilnehmen erleben zu dürfen.

Susan

Hautnah sind auch die Reaktionen, die mich, wenn sie denn als Kommentare geschrieben werden, ungemein trösten und mir Mut machen. Auch wenn ich sie nur selten kommentiere, darf ich das überhaupt, so sind sie doch das Lebenselixier schlechthin. Besonders habe ich mich über eine Predigt aus Kassel gefreut. Nach dem Motto: „Kannst Du nicht zur Kirche gehen, kommt die Kirche zu Dir“ , schickt Christine die sonntägliche Predigt, die mir auch viel Kraft gibt.

Ich freue mich über die Schnelligkeit des hiesigen Beschwerdemanagements. Gestern mein Bettverlängerungsproblem vorgebracht, heute wird schon ein kleinerer Tisch gebracht. Danke.


Responses

  1. ich weiß, dass es heute kein schlechter Traum ist, sondern die Wahrheit, dass sich der Krebs wieder eingenistet hat bei dir…
    lieber Hao, aus deinen Zeilen spricht sehr viel Vertrauen, darauf, das dich in deinem Leben geprägt und worüber du gepredigt hast…
    ich wünsche dir und auch uns, dass wir die Gnade spüren können
    und dass einer mit uns geht
    DANKE
    dass du so offen deine derzeitige schwere Lebenssituation mit uns teilst,
    Du bist für mich ein großes Vorbild auf vielen Ebenen
    in Gedanken und im Gebet mit dir verbunden
    Gott segne Dich !

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  3. Hej Hao, wir haben wieder in deinen Blog geschaut und sind sehr betroffen zu hören, dass deine Krankheit zurückgekehrt ist. Du sollst wissen, dass wir hier auch für dich beten. Du bist in Gottes Hand geborgen. Wie schön, dass du es auch so spühren kannst.

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  4. Lieber hao,
    ich fühle .mit Dir .
    Deine Emotionen ,die durch die Röntgenbüste frei wurden ,kann ich sehr gut verstehen .Gerade Röntgen .
    Ich wünsche Dir jetzt viel Kraft .Aber was sind Worte des Trostes eines Freundes gegen die Liebe unseres Herrn .
    Ich bete für Dich. !
    Gerhard

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  5. Ich vermute, allein schon wegen der angeknabberten Nerven kommen die Tränen, jetzt, wo Klarheit ist, was in dir herumtobt, lieber Hao.
    Der Kurs ist klar, vorderhand der medizinische, und im Hintergrund der unseres Heilands. Deine Gewissheit freut mich, sie ermutigt mich. Ich bete weiter…

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  6. Lieber Hao,
    habe mir heute Nacht, während ich auf meine ,,Knochen „wartete, Deine blogs ab 10.11.13 durchgelesen .Vieles erscheint. mir jetzt in einem anderen Licht .
    Ganz groß geschrieben ,die Frage :
    WARUM. ?
    Es ist schwer .
    Gerhard

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  7. Ein nettes, freundliches Mädchen – diese Susan…! ?

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    • Nehme den Trieb aus den Augen, lieber Bruder….hihihihih Ich kenne ausnahmslos nur nette und freundliche Mädchen.

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      • Ja, Hao…….dachte mir schon, dass du da beschenkt bist.
        Und was den ‚Trieb‘ anbelangt, sage ich nur: Für die Augen ist auch das ‚Schöne‘ gemacht – Hintergedanken sind nicht da ;-)

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  8. Lieber Hao,
    ich hätte es Dir so anders gewünscht. Nun lege ich Dich immer wieder neu in Gottes Hände und in seine liebevolle Fürsorge und Seelsorge. Unser Heiland ist da, ist für immer für Dich da.
    Ich kann Dich nur umbeten.
    Sei Gott befohlen
    Nenne

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  9. Wenn Gedanken aufstehn in der Nacht und dich nicht zur Ruhe kommen lassen, dann vergiss nicht, dass da einer wacht, der dich sieht und unbegreiflich liebt.
    Der Vater im Himmel wird dich tragen, seine Gnade ist jeden Morgen neu. In guten wie in schweren Tagen bleibt er bei dir und ist dir immer treu. (Peter Strauch)

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  10. […] Blogger haben und machen ganz schön Kummer. Was ich da von Hans Otto H. mitbekomme, betrübt mich. Ein neuer Name auf meiner Liste – er bat auch darum, und wer mittun möchte, […]

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  11. Ich weiß, dass man nicht als Neuling auf einen Tippfehler aufmerksam macht, aber dieser ist so lustig, dass ich gern möchte, dass darüber gelacht werden kann – denn Lachen ist wohl mit die wichtigste Medizin. Es geht um diese Textstelle: „Über mir eine große Brüste von, ich kann es kaum glauben, Conrad-Wilhelm Röntgen, dem größten Sohn meiner …“ und dem vielleicht Freudschen Verschreiber von der Büste und den Brüsten.
    Sie müssen es nicht veröffentlichen!
    Nicht am eigenen Leib, sondern an dem von lieben und liebsten Menschen habe ich diese Krankheit in verschiedener Form kennen- und verabscheuen gelernt.

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    • In der Tat… Ne, es iat nur nicht peinlich. Ob es wohl jemand gemerkt hat? Danke für den Hinweis und die wohlgemeinte Mail. Ich werde den Fehler aber nicht verändern, damit ich Deine Zeilen nicht überflüssig mache. Einfach köstlich. Es zeigt mir, dass trotz meiner derzeitigen Lebenslage ich noch ein schwaches Gespür dafür habe, dass da noch etwas ist, bzw. war… hihihi Meine Leser mögen mir verzeihen..

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      • Und dieses schwache Gespür moege bleiben und wieder stärker werden

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      • Ich gebe es freimütig zu…
        Beim ersten Lesen habe ich auch schallend laut gelacht über diesen kleinen Tippfehler… :razz:
        Ob Herr Freud wirklich damit was zu tun hat, weiß ich aber nicht.
        Wenn ich mich vertippe, dann meistens nicht weil Freud Pate steht, sondern meine Finger schneller sind als mein Kopf… ;-)

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        • Beim Schreiben im Bett herrschen andere Maßstäbe…..

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  12. Ich bin am Freitag nach Weihnachten aus dem Krankenhaus gekommen…
    Fünf Wochen vorher hatte ich noch mit dem Tod gerungen, aber EINER ließ mich nicht gehen, wollte dass ich weiterlebe…
    Das tue ich mit frohen Sinnen und gutem Mut…
    Lieber Hao, unbekannterweise wünsche ich Dir ganz herzlich alles erdenklich Gute und vor allem viel Kraft, dass Du die schwere Zeit gut erträgst und möglichst wieder eine komplette Remission erlebst.

    tmp

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    • TMP: Viel von Dir über unseren Hoppelhasen gehört. Danke!

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  13. Ich bin so gar nicht gläubig im „herkömmlichen Sinne“ – und werde für dich beten…

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    • Danke, Jesus wird Deinen Sinn kennen….. Noch ist Gnadenzeit.

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  14. Lieber Hao, über Erikas Kommentar in Elisabeths Zauberworteblog habe ich mich neugierig hier rein geklickt und will nicht wieder gehen ohne Dir ganz herzlich meine allerbesten Wünsche da zu lassen! Herzumarmung von Unbekannt. Jetzt nicht mehr – von: Nathalie

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