Verfasst von: Hao | 4. Dezember 2012

Stasi und kein Ende…


Dienstag, 4. Dezember 2012

Der HERR wird meine Sache hinaus führen. Psalm 138,8

Wer will die Auserwählten Gottes beschuldigen? Gott ist hier, der gerecht macht. Römer 8,33

Als ich heute Morgen die Tageslosung lese, muss ich schmunzeln. Da setzt die geballte Stasimacht an, um einen kleinen Diakon, der über Funk in der Evangeliumsrunde mit anderen Brüdern seinen Glauben teilt, in die Knie zu zwingen. Doch sie haben es nicht geschafft. Die Wende war schneller. Natürlich bin ich ein kleiner Fisch, aber auch auf diesen passt der Herr auf. Und wie. Ich weiß nicht, was mir in meinem Leben noch so geschieht. Vielleicht kommen wieder Strukturen, in denen man Christen an den Pranger stellt. Nicht nur dann will ich mich an den heutigen Tag und die Losung erinnern, denn der Herr wird meine Sache hinausführen. Das hat er schon zu DDR-Zeiten gemacht und wird das auch weiterführen bis zum Ende, nein, bis zum neuen Anfang.

stasi2

IM Bericht

Heute ist der denkwürdige Tag da. Nachdem ich in der letzten Woche den Termin für die Einsicht meiner Stasi-Akte verschoben hatte, weil ich noch die Führung durch das Archiv machen wollte, werde ich heute zum zweiten Mal mit meiner „DDR-Vergangenheit“ konfrontiert.

Ich kann mich kaum an eine Nacht erinnern, in der ich so schlecht geschlafen habe wie in der letzten. Absolut traumlos komme ich nicht zur Ruhe. Dabei habe ich doch nichts zu befürchten. Erst gegen 5 Uhr schlafe ich ein, kein Wunder, dass ich mich heftig verschlafe und erst um 8.00 Uhr aufwache. So war der Tag auch nicht geplant.

AFU

Um 9.30 Uhr mache ich mich auf den Weg in den Osten. Ursprünglich wollte ich meine Akte, wie auch beim ersten Mal, am 5.10.1994 in Berlin einsehen, doch 95 km nach Magdeburg sind schon angenehmer.

Marienborn

Was mir auf der Fahrt durch den Kopf geht, kann ich schlecht beschreiben, Mal ist er leer, nur Minuten später kann ich nicht mehr klar denken. Ich weiß zwar ungefähr, was mich erwartet, aber für Überraschungen war die Stasi ja bekannt.

Schild

Eingang

Um 11.00 Uhr fahre ich auf das riesige Gelände der Behörde des Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik. Beim Betreten des Hauses muss ich mich ausweisen und bekomme einige Verhaltensregeln, wie ich mich in den nächsten Stunden zu verhalten habe. Die Mitarbeiterin, die mir die Akten übergibt, ist ausgesprochen freundlich und bietet sich zu einem klärenden Gespräch nach der Durchsicht an.

Eintrittskarte

Dann bringt sie mich in einen Lesesaal, in dem ich als Einziger unter permanenter Aufsicht die Akten einsehen kann. Ich muss zugeben, dass ich immer noch zittrige Hände habe, wenn ich mich in die Originalakten vertiefe. Einige Akten, die ich schon in Kopie habe, fehlten. Andere habe ich noch nie gesehen. Ich mache mir Notizen, um später meine Wissenslücken bei den Abkürzungen stopfen zu können.

Lesesaal

Gegen 14.00 Uhr muss ich erstmals eine Pause machen. Mein Kopf dröhnt und ich kann mich nicht mehr konzentrieren. Die Buchstaben auf den schon teils vergilbten Papieren verschwimmen und die Konzentration lässt in erschreckender Weise nach. Ich will einfach nur raus an die frische Luft. Ich mache einen Spaziergang über das riesengroße Gelände, in dem einmal rund 3.500 hauptamtliche Mitarbeiter ihr Unwesen trieben.

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Stellenweise kann man noch die Mauer sehen, die das Gebiet, auf dem sich auch eine eigene Stasi-Kaufhalle befand, umgab. Wenn ich den Tag mit dem der ersten Akteneinsicht vergleiche, muss ich schon feststellen, dass ich dieses Mal „nicht im Zorn“ zurück blicke. Zwanzig Jahre, die dazwischen liegen, sind nicht spurlos an mir vorbei gegangen. Nein, wütend bin ich nicht mehr, aber immer noch sehr betroffen und innerlich angespannt. Kopfschütteln und mitleidiges Lächeln beherrschen meine Gestik, dennoch kann ich nicht verhehlen, dass ich mich auch etwas anstrengen muss, um diese Gelassenheit durchgängig zu behalten.

Stasi Magdeburg

Am frühen Nachmittag tauche ich wieder in das Stasi-Gruselkabinett ein. Diesmal schaue ich mir an, was ich für eine subversive Tätigkeit auf dem Gebiet des Amateurfunks gegen die DDR gemacht habe. Ich lasse noch einmal die Vergangenheit zur Gegenwart werden. Bei meinen Unterlagen entdecke ich einen Ordner mit rund 190 Seiten, von dem ich in der Vergangenheit nur zwei Seiten kannte, der sich auch mit Amateurfunk beschäftigt. Wenn ich derzeit auf diesem Gebiet nicht mehr tätig bin, empfinde ich diese Lektüre doch außerordentlich spannend, zumal meine Akten nicht vernichtet wurden.

Aktenvernichtung

Um 16.00 Uhr geht nichts mehr. Der Kanal ist voll. Vieles ist mir bekannt, anderes ist mir neu. Interessant die „Stasi-Bewertung“ über den Vater eines Bekannten. „In beruflicher Hinsicht ist er kein Geheimnisträger, seine politische Einstellung wird als positiv eingeschätzt. Er ist jedoch kontaktarm und tritt zurückhaltend auf.“

Pünktlich um 16.00 Uhr kommt die überaus freundliche Sachbearbeiterin, um noch offene Fragen abzuklären. Ich habe noch nie eine Behörde gefunden, bei der es so nette, freundliche und zuvorkommende Mitarbeiter gibt, wie bei der BStU.

Stasiakte

Da ich in Sachen politischer Bildung den Hals nicht vollkriege, nehme ich natürlich noch an der monatlich einmal stattfindenden Führung durch das Archiv teil. Am Anfang heißt es 2:1 , da ich der einzige Teilnehmer bin. Später gesellt sich noch ein älterer Herr dazu, so schaffen wir den Ausgleich 2:2, zwei Mitarbeiter und zwei Besucher. Auch hier wieder Freundlichkeit in Person.

Archiv2

Zum Abschluss werden noch exemplarisch einige Stasi-Akten vorgestellt, um zu verdeutlichen, wie Miehlkes Schergen arbeiteten . Besonders eindrücklich empfinde ich das Schicksal eines Jugendlichen, der nicht zum Abitur zugelassen wurde. Die Stasi hatte einen Brief abgefangen, den der Schüler einem Klassenkameraden , der die DDR verlassen hatte, schrieb.

Büro

Als ich um 20.30 Uhr wieder in meinem Kobel bin, weiß ich, was ich heute gemacht habe. Das Thema Stasi ist für mich dennoch nicht beendet. Man riet mir, noch einmal in zwei Jahren einen erneuten Antrag zu stellen, denn die Sichtung aller Akten dauert noch Jahre. So ist es durchaus denkbar, dass weitere jetzt noch unbekannte Akten meinen Papieren zugeführt werden.

Blatt4

Blatt1

Blatt1

Als wenn es heute noch nicht genug wäre, erlebe ich bei einem Blick in meinen Kühlschrank eine großartige Überraschung. Beim Kondolenzbesuch in der Verwandtschaft stolperte Frau Maus durch Nichtbeherrschen ihrer Fresslust und erlitt so das gleiche Schicksal wie ihre Artverwandten. Aus Rücksicht gegenüber einer mir nahestehenden, aber an dieser Stelle zart besaiteten Dame verzichte ich schweren Herzens auf die Veröffentlich eines Beweisfotos der verblichenen Mäusedame. Ich hoffe inständig, dass mein mutiger Schritt nicht nur zur Aufrechterhaltung des Friedens dient, sondern auch im zwischenmenschlichen Miteinander entsprechend gewürdigt wird.

Maus

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Responses

  1. Wo vom willst du wisse ob es nicht vielleicht eim Mäuserich war

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  2. „Heute ist der denkwürdige Tag da. Nachdem ich in der letzten Woche den Termin für die Einsicht meiner Stasi-Akte verschoben hatte, weil ich noch die Führung durch das Archiv machen wollte, werde ich heute zum zweiten Mal mit meiner “DDR-Vergangenheit” konfrontiert.“
    Ach Hao,
    vergiss das Ganze doch einfach, es ist sehr lange her und es regt Dich immer noch auf! Das ist gar nicht gut für Dich, widme Dich doch einfach schöneren Dingen, versprochen?
    Einen lieben Gruß
    von Gaby.

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    • Ne, ich bin nun mal kein Dünnbrettbohrer. Wat mut, dat mut. Da wird nix vergessen…

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  3. Ich kenne zwar jene Dir nahestehende Dame nicht, aber dankbar bin ich ihr trotzdem.

    Die Bilder von zerquetschten Mäusen schocken mich jedesmal.

    Da ich sicher bin, dass sehr wenige Leser überhaupt scharf auf derartige Beweise sind, würde ich vorschlagen, mal eine Umfrage zu starten, ob jemand gesonderten Wert auf das Ablichten Deiner Jagdtrophäen legt.

    Von mir ein klares NEIN, aber ich bin gespannt…..

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    • Na ja, ich kann ja mal Bilder von den Schäden der Tiere veröffentlichen…. Verkehrte Welt, wenn diese mehr gefragt wären… hihihih

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