Verfasst von: Hao | 29. November 2012

Wenn die Kehrmaschine kommt…


Donnerstag, 29. November 2012

Du hast mich vom Tode errettet, meine Füße vom Gleiten, dass ich wandeln kann vor Gott im Licht der Lebendigen. Psalm 56,14

Gott ist treu, der euch nicht versuchen lässt über eure Kraft, sondern macht, dass die Versuchung so ein Ende nimmt, dass ihr’s ertragen könnt. 1.Korinther 10,13

Odysseus kam auf seiner Fahrt an die Inseln der Sirenen. Die Sirenen faszinierten mit ihren verführerischen Stimmen die Seeleute so sehr, dass die ihren Kurs aufgaben, um jenen herrlichen Stimmen zu folgen. Aber der neue Kurs war tödlich, denn die Schiffe zerschellten an den Klippen. Odysseus ließ sich von seinen Gefährten an den Mastbaum binden, damit er nicht von den verführerischen Stimmen weggelockt werden konnte. So entkam er der unwiderstehlichen Versuchung und überlebte.

Auch wir sind auf der Fahrt unseres Lebens von manchen Stimmen und Verführungen bedroht. Lassen wir uns ganz fest an das Wort Gottes binden, damit wir frei bleiben von allen anderen Mächten und Diktaten, Stimmen und Einflüsterungen. In den gefährlichen Fahrwassern unserer Zeit müssen wir den richtigen Kurs halten und dürfen nicht ins Verderben abweichen. Aber dazu müssen wir uns auch anbinden lassen von den Gefährten, die mit uns auf dem Weg des Lebens sind. Wenn wir uns an die Liebe Jesu anbinden lassen, sind wir frei. Wer meint frei zu sein, wird von anderen Mächten gebunden. Wer kindlich abhängig ist von Jesus und seinem Wort, wird königlich unabhängig von allen anderen Stimmen. An Jesus festgebunden, das ist die Freiheit des Lebens.

Ich habe noch nie im Leben eine Kehrmaschine so verwünscht wie am heutigen Morgen. Bis zuletzt wehre ich mich dagegen, aber zum Schluss ziehe ich doch den Kürzeren und verliere.

Der Grund ist wieder einmal der Stoff, aus dem die Träume sind. Und dieser hat, und das sage ich unverfroren, Hollywoodklasse.

Der Hintergrund dieser „Behauptung“ ist einfach. Seit Tagen bereite ich mich innerlich auf die erneute Einsicht meiner Stasiakte in Magdeburg vor. Heute soll der große Tag sein. Soll, aber ist nicht. Zur Vorbereitung lese ich viel in den vorhandenen Papieren, schaue Filme und Bilder an. Klar, dass diese massiven Gedanken auch ins Unterbewusstsein gehen und dort allerhand Spökes treiben. Und das Ergebnis wird in der Nacht offenbar:

Ich fahre mit meinem Trabbi durch die ehemalige DDR. Das Fahrzeug ist so eine Art Hühnerschreck auf vier Beinen. Schön knallig aufgemotzt, aber nur ein PS-Motor unter der kleinen Haube. So weit, so gut.

Doch irgendwie komme ich in eine Zeitschleife. Ich fahre im Erzgebirge einen ganz kleinen Weg hoch, der fast eine 90prozentige Steigung hat, die in dieser Form gar nicht befahren werden kann. Doch ich schaffe es. Nur die Abfahrt geschieht zu schnell. Ich kann nicht mehr bremsen und donnere auf den Boden. Mein Trabbi ist nur noch Schrott und löst sich vor meinen Augen auf. Ich stehe dumm, aber unverletzt in der Landschaft.

Auf der Suche nach Hilfe gelange ich auf eine Landstraße und habe Glück. Da kommt tatsächlich noch ein Trabbi, den ich anhalte und der mich mitnimmt. Das Radio bringt Nachrichten. Doch keine Berichte über unsere Steuern, die in Griechenland gelandet sind, keine Berichte über die NSU und HARZ IV, sondern Hetze über den Westen und ein Lobhudeln der Sowjetunion. Wie in alter Zeit. Langsam werde ich unsicher. Nachdem ich den Fahrer bitte, ein anderes Band einzulegen, stelle ich fest, dass sein Autoradio aus Stassfurt mit Riesenknöpfen und der überdimensionalen Skala gar kein Kassettenteil hat. Mir scheint, dass der Typ mit meiner Frage nicht mal was anfangen kann. Wo bin ich nur gelandet?

Dann die erste Ortschaft. Ich traue meinen Augen nicht. Bin ich etwa in der Freien Republik, an der die Wende vorbeigegangen ist? Oder hab ich was nicht gerafft? Ich bin wohl in einer Filmkulisse gelandet. Auch mal was Neues.

Am Marktplatz steige ich aus. Das Benzin-Öl-Gemisch, verbunden mit verbrannter Braunkohle, zahlreiche schwangere Frauen, blaue Halstücher,Vopos, Losungen an den Wänden, düstere Straßenzüge mit verfallenen Häusern…. Riechen eigentlich Kulissen?

Die Menschen sehen mich komisch an, als wenn ich von einem anderen Stern kommen würde. Zugegeben, meine Kleidung will nicht in das Umfeld passen, auch habe ich keinen Einkaufsbeutel bei mir.

Nun will ich es wissen. Ich betrete einen Laden: Toll gemacht, scheint alles echt zu sein. Doch nachdem ich ein HO-Landen verlasse und ein Exquisit-Geschäft aufsuche, wird mir etwas schummrig. Anschließend treibt mich meine Nase noch in einen Intershop. Spätestens da wird mir klar, dass ich es nicht mit Babelsberger Kulissen zu tun habe. Hier ist alles echt, sogar Geld und Hausbuch. Nach dem Besuch weiterer Geschäfte ist mir endgültig deutlich, dass ich in der DDR bin. Zurück in die Zukunft. Das kann ja heiter werden.

Am Anfang finde ich das ja noch lustig, aber nach der ersten Nacht in einer Scheune, die auch schon bessere Tage gesehen hatte, wird mir klar, dass der Zeitsprung mir mächtigen Ärger bringen wird. Inzwischen raffe ich, dass ich in den 70er Jahren lebe. Wie soll ich nun die Zeit bis 89 überbrücken? Eine Flucht? Ne, dazu lebe ich zu gern. Mit einem Menschen darüber reden, ist undenkbar, schließlich glaubt mir das keiner. Sollte ich den Weg eines Ausreiseantrages gehen? Das endet doch in einer Katastrophe. Ich muss mit meinem Wissen über einen zum Untergang verurteilen Staat, auch wenn dieser erst in 30 Jahren geschieht, äußerst vorsichtig umgehen. Wirklich keine guten Aussichten.

Wissen ist Macht, die ich aber ganz vorsichtig einsetzen muss bzw. kann. Ich mache einen auf dumm, gehe zum Rat des Kreises, um mir entsprechende Papiere zu holen. Ich kann mich in dem Objekt frei bewegen, werde aber immer wieder von Kindern und Jugendlichen angemacht. Offensichtlich kennen sie sich mehr in der Mode aus als die alten Holzköpfe. Aufdringlich versucht die Nachwuchsriege des Grauens mir Fragen zu stellen, doch ich stelle mich dumm, eine Eigenschaft, die mir in bestimmten Situationen nicht schwer fällt.

Dann gehe ich zum Ausgang. Was beim Betreten nicht erforderlich war, wird mir nun zum Verhängnis. Ich muss mich ausweisen. Kein Wunder, wenn ich am Vorabend noch einen ausführlichen Film über die Passkontrolle am Frankfurter Flughafen sehe. Alles will verarbeitet werden.

Der „Staatsdiener“ ist sehr freundlich, meint aber, dass ich ihn mit den vorgelegten Papieren hochnehmen will. Und dann gerät die sozialistische Stasimaschinerie ins Rollen. Vorbeigehende Menschen an der Abfertigungsbude lachen mich aus und raunen mir zu: „Hätteste doch Gummistiefel angezogen, dann wärste nicht aufgefallen.“

Es sammeln sich immer mehr hohe Herren, die ich alle persönlich aus dem TV kenne. Freundlich begrüße ich sie mit Namen. Zweifellos habe ich die Lacher auf meiner Seite. Mielkes Machthaber werden kreidebleich, dass ich sie kenne, sie, die in der 70er DDR-Welt total abgeschottet leben. Dennoch sind sie recht freundlich und merken immer mehr, dass ich Dinge weiß, die den Stasitypen nicht recht sind. Jetzt drehen mir alle den Rücken zu. Ich verweigere mich einem Gespräch und erwarte, dass man mich wenigstens anschaut. Ein Mindestmaß an Höflichkeit, wenn man in solchen Kreisen überhaupt von einer sprechen kann. Ein Oberst mit einer kaputten Ehe und missratenen Kindern, in dieser Woche hatte ich noch einen diesbezüglichen Film über ihn im TV gesehen, meint mir die hohe Moral des Sozialismus zu predigen. Ich kontere mit jenem Fernsehwissen vom Vortag, worauf der Spangenträger unter fettem Grinsen seiner Stasikollegen sichtbar zusammenklappt und nichts mehr sagt. Diese Runde geht auf mich.

Dann kommen die Schleimer zum Zug. Sie bieten mir leckere Käseschnittchen an. Sie kennen nicht meinen Geschmack. Die leckeren Sachen hatten sie schon lange selbst verzehrt. Ich verzichte dankend.

Ein Hartliner tritt auf: „Wir können auch anders“, meint dieser, worauf ich ihn darauf hinweise, dass er sein Hemd falsch geknöpft hat. Auch hier habe ich die Lacher wieder voll auf meiner Seite.

Jede Minute bringt mich weiter zum rettenden 9. November 1989. Mir kann ja nichts passieren, ich habe das Wissen, aber ich bin wehrlos. Vor allen Dingen weiß ich, was die Stasi noch in ihrem Gruselkabinett hat, um mich mit Zuckerbrot und Peitsche weich zu kloppen. Sie haben doch noch lange Zeit. Wie mögen sie wohl mit ihrem gefährlichsten Feind auf dem Boden der DDR umgehen? Der Schmusekurs wird schnell vorbei sein.

Bei früheren Träumen habe ich immer die Aufwachreißlinie gezogen, wenn es mir zu haarig wurde. Heute will ich die Sache durchziehen bis zum freudigen Ende. Ich bin gespannt, was noch alles geschieht und welchen Joker ich wie und wann aus dem Ärmel ziehen kann.

Doch die Uhren in Gifhorn ticken anders. Unerbittlich ohne Rücksicht auf Verluste läuft die Zeit ab. Und nun kommt sie ins Spiel, die Kehrmaschine. Ich kämpfe wie wild dagegen, denn inzwischen wird die Gruppe der Zuhörer, die meiner Vernehmung interessiert zuhört, durch eine Indiskretion immer größer. Dabei wird der Straßenlärm stets lauter, um dann schließlich bei mir das Opfer zu finden. Noch ein krampfhafter Versuch des Festhaltens, ich sehe die Uniformierten noch toben, dann ist alles vorbei und ich bin wieder da, von wo ich gestartet bin. Rund 30 Minuten brauche ich, um in der Realität anzukommen. Und auch hier bleibe ich beim Thema.

Gestern Abend habe ich mir die Magdeburger Adresse rausgesucht, und sie schon einmal in mein Navi eingetragen. Da las ich, dass es auch Führungen durch das Archiv gibt. Die nächste startet am kommenden Dienstag. Warum sollte ich nicht meine Akteneinsicht mit diesem Highlight verbinden? Gesagt, getan.

Um 8 Uhr spreche ich schlaftrunken nach einem solchen DDR-Treffen mit der Behörde und trage mein Anliegen vor. Die überaus freundliche Frau hat dafür Verständnis und bucht unkompliziert den Termin um, so dass ein wirklich volles Programm auf mich wartet. Einen Nachteil hat meine Aktion allerdings: Ich kann nicht mit meinen Leuten zum Weihnachtsmarkt nach Hannover fahren. Nichts gegen diesen Ausflug, aber ich muss Prioritäten setzen. Weihnachtsmärkte kommen jährlich wieder, die Einsicht in meine Akte in Verbindung mit einem Archivbesuch in dem Vorhof der Hölle bestimmt nicht.


Responses

  1. Gut, dass die Kehrmaschine nicht die Erinnerung an den Traum weggefegt hat, es wäre schade um den Stoff für Deinen Beitrag gewesen.
    Danke für deinen ausführlichen Beitrag
    Dann kannst Du ja nächste Woche wieder viel berichten…. nach dem Magdeburg-Besuch …
    danke für Dein Video vom Tränenpalast

    Liken


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