Verfasst von: Hao | 25. November 2012

O Tod, wo ist Dein Stachel???


Da kommt er, der „Man in Black“. Johnny Cash ist natürlich schwarz wie die Nacht gekleidet  Daneben eine Schönheit, die mich erbeben lässt: June Carter Cash. Ein langes Kleid, wunderbare braune lange Haare, gepflegte Hände. Ein Traum von einer (Ehe)frau.

Ich bin gerade mal 25 Jahre, als ich dem Ehepaar bei der „Spree 73“ in London begegne. Mit dabei auch Billy Graham und der bis heute ewig jung gebliebene Cliff Richard. Und das alles im Wembley Stadion.

Dann legt Johnny los mit seiner Musik und ich mit dem Fotografieren. Ich kenne seine Lieder, sie begleiten mich schon Jahre. Ich bin beseelt und kann mein Glück kaum fassen, einen solchen Musikstar einmal in aller Nähe zu erleben.

Genau zwanzig Jahre später in irgendeinem Tonstudio. Immer noch in schwarz, aber am Körper gebrochen. Johnnys Stimme ist lange nicht mehr so klar wie damals in London. Kein Vergleich mit der, die damals das volle Stadion in Wallung brachte.

Johnny Cash ist 71 Jahre alt. Er sitzt im Rollstuhl. Bereits sechs Jahre leidet er unter schwerem Asthma, die ihm die Luft zum Singen nimmt. Die Musikgeschichte des alten Mannes ist lange vorbei. Der Tod seiner Frau, June Carter Cash, mit der er 35 Jahre verheiratet war, starb vor wenigen Monaten, hat den Sänger zutiefst gezeichnet. Unzählige Male hat sie mit ihm auf der Bühne gestanden. Die Beiden waren unzertrennlich.

Junes Tod ist ein großer Einschnitt in Cashs Leben. Doch er gibt nicht auf. Bereits wenige Tage nach ihrem Tod spielt er einen neuen Song ein. Schuld daran ist June: „Ich möchte Musik machen und arbeiten, so gut ich kann. Sie würde das wollen, und ich will es auch.“ Die Zeit der lauten Musik und harten Töne ist lange vorbei, seine akustische Gitarre, mal ein Banjo, Klavier oder Geigen zeigen eine nicht gekannte musikalische Seite des Musikers mit der warmen Bariton-Stimme.

Könnte der „Man in Black“ in seiner Lebenssituation etwas anderes singen als vom Tod und von der Liebe? „O death, where is thy sting, o grave, where is thy victory. Oh life, you are a shining path…“ Selbst geschrieben und komponiert kommt dabei ein langsamer Walzer zu Gehör. Ich sehe in Gedanken Johnny und June, wie sie in intimer Vertrautheit miteinander tanzen. Eine Augenweide besonderer Art. Ein Tanz, wie ihn ein lang vertrautes Paar miteinander tanzt. Mit ruhigen, fließenden Schritten und Drehungen. Cash singt vom Tod und von der Liebe.

Und nun kommt das Spannende, das Verrückte, was einen Totensonntag durch  Walzerklänge zum Ewigkeitssonntag verändern lässt.

Seinem Lied legt Johnny Cash ein Vers aus dem Auferstehungskapitel, welches Paulus den Korinthern schrieb: „O Tod, wo ist dein Stachel, O Grab, wo ist dein Sieg? O Leben, du bist ein leuchtender Weg…“

Eben hat er seine Frau verloren und trotzdem singt der „Man in Black“ vom Leben, das ewig ist. Trotz körperlichen Gebrechen, verbunden mit tiefer Trauer vermittelt der Witwer  Lebensfreude. Unverblümt singt er von seinem Erlöser, der ihn „zu sich winkt“.

Freude in allem Leid. Das können sich nur Christen erlauben. Ein solches Verhalten  erinnert mich an die Nachfeier bei der Beerdigung meines Vaters. Johnny Cash bediente sich Walzerrhythmen, meine Mutter hatte sich das Lied „In dir ist Freude, in allem Leide“ gewünscht, dem die Melodie eines mittelalterlichen Tanzliedes zu Grunde liegt. Beide Lieder strahlen in der wohl tiefsten Lebensnot himmlische Freude aus, die selbst der Tod nicht bremsen kann.

Ich denke an Hanns Dieter Hüsch, wenn er in einem modernen Psalm sagt:

„Ich bin vergnügt, erlöst, befreit.

Gott nahm in seine Hände meine Zeit, mein Fühlen, Denken, Hören, Sagen, mein Triumphieren und Verzagen, das Elend und die Zärtlichkeit.

Was macht, dass ich so fröhlich bin in meinem kleinen Reich? Ich sing und tanze her und hin vom Kindbett bis zur Leich.

Was macht, dass ich so furchtlos bin an vielen dunklen Tagen? Es kommt ein Geist in meinen Sinn, will mich durchs Leben tragen.

Was macht, dass ich so unbeschwert und mich kein Trübsinn hält? Weil mich mein Gott das Lachen lehrt wohl über alle Welt.“

Auferstehung ist möglich, mitten im Leben, auch durch die Kraft und Aussage der Musik. Das, was Johnny und meiner Mutter Kraft und Mut zum Weiterleben gab, hörte mit dem Tod des Ehepartners nicht auf. Auch wenn meine Mutter in ihrem Leben nicht einmal getanzt hat, so geht sie doch, wie auch Johnny Cash einen ähnlichen musikalischen Weg, nämlich gegen Tod und Trauer anzusingen.

Vier Monate nach Aufnahme des Liedes stirbt Johnny Cash. Meine Mutter geht 2006 heim. Obwohl beide in unterschiedlichen Welten lebten, wohnen sie jetzt in einer, wo der das Sagen hat, von der der „Man in Black“ singt: „O Tod, wo ist dein Stachel, O Grab, wo ist dein Sieg? O Leben, du bist ein leuchtender Weg…“

Johnny Cash ist zu seinem Heiland gegangen. Was er auf seiner letzten Reise in seinem Koffer war, weiß ich nicht. Hier eine kleine Auswahl von sinnvollen und sinnlosen Dingen, die Menschen bei Antritt ihrer letzten Reise mit in den Koffer packen wollen.

Hier meine Predigt zum heutigen Ewigkeitssonntag.

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Responses

  1. Vielen Dank für diesen wunderschönen Beitrag zum Ewigkeitssonntag.

    Einen gesegneten Sonntag Dir !

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  2. Gerade die letzten Aufnahmen von Johnny Cash finde ich berührend und erschließen mir sein früheres Werk.
    Ein sehr guter Beitrag, Danke!

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  3. „Johnny Cash ist zu seinem Heiland gegangen.“
    Hallo Hao,
    na ja, irgendwann gehen wir alle einmal dahin… Und dann schauen wir vielleicht noch einmal zurück und freuen uns, was wir alles so an Schönem hatten.
    Ein schönen Sonntagabend für Dich mit
    einem lieben Gruß
    von Gaby.

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    • Das ist noch die große Frage……

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      • (Das ist noch die große Frage……)…gemeint ist wohl von dir: Ob ALLE dahin gehen und ob man tatsächlich noch zurück auf das, was an Schönem war, schauen wird?….stimmts?

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        • Na ja, jetzt reicht es erst einmal. Respekt ist nicht der richtige Ausdruck. Dummheit und Leichtsinn würde da besser passen… hihihihi

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