Verfasst von: Hao | 20. September 2010

Mit meinem Gott kann ich über Mauern springen


Montag, 20. September 2010

Mit meinem Gott kann ich über Mauern springen. Psalm 18,30

Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit. 2.Timotheus 1,7

Die alttestamentliche Losung hat sich zeitlebens bei mir eingebrannt. Um das Psalmwort rankt sich eine Geschichte, die ich erlebt habe. Vielleicht kennt Ihr sie schon. Dennoch hier noch einmal.

Es war am Buß-und Bettag 1970. Ich fuhr mit meinem Wagen zu einem Evangelistenkongress nach West-Berlin. Da zu dieser Zeit noch nicht der Grundlagenvertrag zwischen der DDR und BRD geschlossen war, der die problemlose Transitfahrt durch die DDR regelt, musste ich mich wie jeder andere Reisende nach West-Berlin einer sehr intensiven Zollkontrolle unterziehen.


Nach der Einsicht meiner Reisepapiere wurde ich gefragt: „Was wollen Sie in Berlin West?“ „Ich will einen Evangelistenkongress besuchen“, bekam der Zöllner wahrheitsgemäß zur Antwort. „Welche Briefmarken führen Sie mit sich? „, lautete die zweite Frage. Ich entgegnete: „Was soll ich denn mit Briefmarken?“ Der Zöllner wurde energischer: „Wenn Sie zu einem Philatelistenkongress fahren wollen, so werden Sie doch sicherlich auch Briefmarken mit sich führen.“



Erst da wurde mir klar, dass der Mann einen Evangelistenkongress mit einem Philatelistenkongress verwechselt hatte. Da er sich unter einem Evangelisten nichts vorstellen konnte, erzählte ich, dass es sich um Prediger handelt, die nicht nur in Gottesdiensten, sondern auch bei so genannten „Evangelisationen; das Wort Gottes verkündigen. Auf die Frage: „Wer kommt denn alles zu diesem Kongress?“, sagte ich ihm, dass viele weltbekannte Prediger sich dort treffen würden, um gemeinsam ihre Erfahrungen und Erlebnisse auszutauschen.


Jetzt wurde die Miene des Zöllners ernster. „Wird dort auch der Amerikaner Billy Graham sein?“, fragte er interessiert.

„Ja“, antwortete ich, „dieser Prediger kann doch bei einer solchen Zusammenkunft nicht fehlen“. Was ich dann zu hören bekam, versetzte mich anfangs in ein mitleidiges Lächeln, welches mir aber bald vergehen sollte. Der Zöllner warnte mich eindringlich vor diesem „militaristischen Graham“, der ein „Kriegshetzer der schlimmsten“ Sorte sei.


Die Ausführungen des Uniformierten, der inzwischen Verstärkung geholt hatte, endeten mit der Behauptung: „Wissen Sie denn nicht, dass Graham immer ein Maschinengewehr in seinem Gepäck hat und es unter Umständen auch einsetzt?


Ich erklärte den verdutzten Zöllnern, dass Billy Graham zwar von seinen Gegnern als das „Maschinengewehr Gottes“ bezeichnet wird, er aber überhaupt nicht im Besitz eines solchen Mordinstrumentes sei. Mein Gegenüber wollte meiner Aussage kein Gehör schenken und überschüttete mich mit einem gut geschulten Redeschwall, der damit endete, dass ich mich einer sehr intensiven Durchsuchung des Gepäcks sowie meines Autos unterziehen musste.


Zur Freude der sich mit Eifer an diese Arbeit gebenden zwei Zöllner wurden sie auch tatsächlich fündig: Sie entdeckten meine Bibel und in einer Ecke des Kofferraumes ein altes verknittertes und ölverschmiertes Foto, auf welchem ich in Bundeswehruniform zu sehen war. Irgendwie war es mal aus einem Buch rausgefallen und im Auto vergessen worden. Jetzt witterten die Zöllner Lunte. Als sie meine Bibel durchstöberten und Seite um Seite umblätterten, eine Bíbel ist ja bekanntlich vom Umfang her klein, entdeckten sie noch eine Spruchkarte mit der alttestamentlichen Tageslosung: „Mit meinem Gott kann ich über Mauern springen“.

Unglücklicherweise befand sich in meiner Bibel noch ein schriftliches Konzept eines Referates, welches ich einmal über Jona gehalten hatte. In dieser Ausarbeitung, die das Thema „Fluchtwege“ hatte, war aufgezeigt, wie ein Mensch versucht, von Gott zu fliehen, aber doch wieder von ihm eingeholt wird. Diese schriftlichen Notizen, verbunden mit dem Aufruf, über „die Mauer zu springen“, waren für die emsig suchenden Zöllner wohl Grund genug zur Annahme, dass sie einen „dicken Fisch“ gefangen hatten.


Jetzt lachte ich nicht mehr, denn nun musste ich nachweisen, dass ich kein Fluchthelfer war, der im Begriff war, eine Republikflucht vorzubereiten. Das sich anschließende Verhör dauerte ca. drei Stunden. In dieser Zeit musste ich vor etlichen Personen mit und ohne Uniform ausführlich meine Predigt über Jona halten. Immer wieder wurde ich von meinen „Zuhörern“ mit Fragen zum Bibeltext unterbrochen. Es war wohl die erste „Bibelstunde“ für die Grenzorgane der NVA und Stasi-Mitarbeiter.


Als ich sie dann von meiner Unschuld überzeugt hatte, erhielt ich die mir abgenommenen „Tatgegenstände“ wieder zurück und konnte erleichtert meine Reise fortsetzen. Bei der Kontrollstelle Babelsberg zur Einreise nach West-Berlin, inzwischen waren die Zöllner, die dort Dienst taten, schon informiert worden, dauerte die intensive Kontrolle lediglich nur ca. 40 Minuten.


Seit dieser Zeit muss ich immer wieder an meine „Grenzpredigt“ denken, wenn ich nach Berlin fahre, auch wenn die Baracke, in der ich „predigen“ durfte, schon längst abgerissen ist. Eine Bibel und div. Spruchkarten mit Bibelstellen habe ich seit dieser Zeit nicht mehr auf Reisen nach West Berlin und in die DDR mitgenommen, aber bis heute hat sich immer wieder bewahrheitet, dass ich mit „meinem Gott über Mauern springen kann“.


Den Rest springe ich durch den Tag, an dem nichts Weltbewegendes geschieht. Meine Filmerin wirbelt wieder im Hause rum.  Heute hat es ihr mein Speicher angetan, wobei sie sich besonders für meinen Funkcheck interessiert, den ich im Spitzboden untergebracht habe. Langsam sollte ich mich mal wieder diesem Hobby widmen, doch dazu müsste ich erst einmal wieder meine Antennen auf Vordermann bringen. Doch zurzeit habe ich dazu keine Meinung und ich befürchte, dass es auch noch beim Abstauben der Geräte bleiben wird. Doch der nächste Frühling kommt bestimmt.


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Responses

  1. Solche Geschichten geraten bald in Vergessenheit.

    Übrigens war die heutige Losung auch die vom 9. 11. 1989…

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    • stimmt nicht. Ich hab bei der Brüderunität angerufen. Am 9.11.1989 war Losungstext 3Mose 22,31.
      Die Geschichte ist aber spitze.

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      • Gut gelesen…. Die Geschichte geschah nicht am 9. November 1989, sondern noch vor dem Grundlagenvertrag 1970. Außerdem habe ich nicht von der aktuellen, sondern von der Tageslosung geschrieben.

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        • mein Kommentar „stimmt nicht“ bezieht sich auf den Kommentar von theomix, wonach „mit meinem Gott über Mauern springen“ auch am 9. 11. 1989 Losung war.
          Dass die Geschichte mit der Bibelstunde vor den Grenzern vor 1970 war habe ich kapiert. Und die Geschichte finde ich spitze.

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          • Ach so, das konnte ich nicht ahnen.

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  2. Ich vergaß eben: Bibelstunde für die Grenzer – auch etwas Besonderes.

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  3. Moin Hao, Als ich Deinen Leichenwagen sah, fiel mir folgendes Erlebnis ein.
    Auf Mallorca hatte ich zwei Mädel aus Syke bei Bremen kennengelernt. Um die zu zu besuchen, lieh ich mir Deinen Leichenwagen. Samstags nachmittags kam ich in Syke an. Dörflicher Charakter und die Menschen waren dabei die Straßen zu fegen. Beim Haus des ersten Mädels angekommen, wurde ich mit Hallo begrüßt. Als sie jedoch das Auto sah, kühlte sie merklich ab und hatte keine Zeit mehr. Mit der zweiten ging es mir ähnlich. Das das am Auto lag, kam mir erst später. Bin dann zum Steinhuder Meer gefahren, habe dort Aal gegessen und hab in dem Auto geschlafen. Hinten drin natürlich. So hast Du mir, weil du kein „vernünftiges“ Auto fuhrst, mal ein Date vermasselt.

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    • Da kannste mal sehen, was ich für ein Vertrauen hatte, dass ich Dir meinen Melmoth geliehen habe. Und dass ich Dir ein Date vermasselt habe, war die Strafe für die geklaute Zigarre meines Vaters… hihihihihihihh

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  4. endlich mal wieder deine Funkbude zu sehen, war mir ein voller Genuss, es steht ja immer noch an gleicher Stelle, oder hat das eine oder andere Gerät schon seinen Platz gewechselt?
    Der Raum wartet ja förmlich darauf, das der Chefffunker mal wieder die Knöpfe bedient.
    Aber du willst ja nicht, man kann das mit einem ungläubigen Menschen vergleichen, da sagen,
    das brauch ich nicht. meint bert aus den Reisfeld

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    • Alles Ding währt seine Zeit…. Ich muss erst einmal die Antennen wieder hochziehen. Außerdem habe ich sicherlich die ganze Betriebstechnik vergessen…..

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  5. Wann hast du denn neben Lothar de Maizière gesessen?
    (Ich vermute, der Mann hätte damals auch lieber weiter Bratsche gespielt, statt einen sterbenden Staat einzusargen…)

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    • Die Wege eines Rechtsanwaltes sind schon sonderbar. Ich hatte das Glück bei seiner Wahl in der Volkskammerwahl dabei zu sein und hab dort natürlich auch fotografiert. Wer wußte damals schon, wie es laufen würde……

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  6. Was die Kontrollen der damaligen DDR-Grenzer betrifft, ist mir in dem Zusammenhang eingefallen, dass ich im August vor dem Fall der Mauer in Berlin Friedrichstraße nach Ostberlin rüber wollte und natürlich kontrolliert wurde.
    Ich hatte einen DIN-A4-Umschlag dabei, in dem sich eine ‚Drei- Bilder- Witzzeichnung‘ befand und hatte vor, dieses Kuvert von einem Ostberliner Postamt abzuschicken – es sollte an die Putzfrau meines damaligen Arbeitgebers gehen, die mir kurz vor meinem Urlaub noch davon erzählt hatte, wie ‚verfressen‘ ihre Verwandtschaft sei.
    Nun, der Umschlag wurde vom ‚Kontroller‘ zwar gegen das Licht gehalten, aber in meiner Anwesenheit nicht geöffnet.
    Ich gab ihn auf ostberliner Seite dann auf und stellte mir vor, was die sich denken würden (dass der Fall der Mauer dann im November kommen würde, wusste ich ja zu dem Zeitpunkt nicht), wenn sie ihn öffnen und dann sehen würden (die Witzbildzeichnung) 1. Bild: Ein Vogel-Strauß sitzt da und schmatzt genüsslich an einer Hühnerkeule, so dass die Fettspritzer davon fliegen. Sprechblase seines befreundeten Hundes: „Du isst nicht – du frisst!“
    2. Bild: Grinsender Strauß: „Stimmt genau!“
    3. Bild: Sprechblase Strauß:“So lautet nun mal das Gesetz des Lebens – Fressen oder gefressen werden.“
    Weiß nicht, ob die Grenzer diesen Brief zur Putzfrau nach W- Deutschland durchgelassen haben ;-)

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