Verfasst von: Hao | 9. April 2010

Eine Liebe, die neidisch macht


Freitag, 9. April 2010

Es warten alle auf dich, dass du ihnen Speise gebest zur rechten Zeit. Wenn du ihnen gibst, so sammeln sie; wenn du deine Hand auftust, so werden sie mit Gutem gesättigt. Psalm 104,27-28

Unser tägliches Brot gib uns heute. Matthäus 6,11

Eine alte lettische Frau, die deutschen Soldaten in russischer Kriegsgefangenschaft heimlich Brot zusteckte, wurde ertappt und vor den russischen Lagerkommandanten gezerrt. „Sie wissen doch, dass es bei harter Strafe verboten ist, Kriegsgefangenen zu helfen!” Die Frau sah ihm gütig in die Augen und antwortete: „Man darf es nicht verbieten, Menschen in großer Not zu helfen!”

„Sie werden es also wieder tun?” Da richtete sich die Frau auf und sagte: „Als die Deutschen hier Herrscher waren, habe ich russischen Gefangenen Brot zugesteckt. Dann später den Juden und jetzt den Deutschen. Und wenn Sie, Genosse Kommandant, eines Tages einmal als Gefangener Hunger leiden, werde ich auch Ihnen Brot reichen!” Dann drehte sie sich einfach um und ging fort. Der Kommandant ließ sie gehen.

Es gibt Tage, da könnte ich die Welt umgraben. Dann wieder kommen Stunden, in denen ich nicht die Kurve bekomme, die Gartenlaube zu öffnen, um den Spaten zu holen.

Heute ist ein solcher. Ich schleiche fast durch den Tag und mache mir wieder bewusst, dass ich mich nicht zu hetzen brauche und dass auch keiner mit Statistiken hinter mir steht. Welch eine Gnade.

So räume ich nur etwas auf, mache eine längere Fernwartung und freue mich darüber, dass es mein Herr so gnädig mit mir meint. Das ist nicht ein Gefühl, es ist ein großartiges Wissen.Warum ich heute nicht der „Hüpf in die Welt“ bin, liegt an der Tatsache, dass heute vor 65 Jahren Dietrich Bonhoeffer ermordet wurde.Ich lese noch einmal seine Vita und denke an den Besuch des KZs Flossenbrück, welches ich 1985 besuchen konnte und wo der Theologe ermordet wurde.  Wer an Bonhoeffer denkt, kommt an seiner Verlobten, Maria von Wedemeyer, nicht vorbei. „Ich hab einen Kreidestrich um mein Bett gezogen etwa in der Größe deiner Zelle…und wenn ich da sitze, glaube ich schon beinah, ich wäre bei Dir“. 18 Jahre war Maria alt, als sie diese Zeilen schrieb. Die bedingungslose Liebe dieser Frau und dem steten Briefwechsel mit ihrem Verlobten, der ebenso getragen war von Gottes Kraft und ganz Alltäglichem reist heute noch mit, macht betroffen und lehrt einem noch heute das Träumen. Maria schreibt bis heute vor 65 Jahren,  bis zum 9. April 1945, dem Tag der Ermordung ihres Verlobten. Überaus beeindruckend kann man lernen, was Liebe ist.

Am Abend des Tages frage ich mich, warum mich diese Frau so unbeschreiblich fasziniert. Vielleicht deshalb, weil es heute solche Menschen wie Dietrich und Maria so selten anzutreffen sind?

Ein stiller und nachdenklicher Tag geht zu Ende, in dem ich wieder einmal den himmelweiter Unterschied zwischen wahrer und tiefer Liebe und Sandkastenspielerei gespürt habe.

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Responses

  1. Ging mir auch so, beim Erinnern und Lesen von B.`s Worten für jeden Tag. Man muss einmal eine KZ-Hinrichtungszelle von innen gesehen haben, mit Fallbeil und Galgen. Das Letztere war sein Schicksal.

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  2. Sehr interessant, ja. Bewegtes Leben der Maria.
    Berührender Briefaustausch zw. Dietrich und ihr.
    Beeindruckend.
    Danke für’s Reinsetzen.
    Gby, Hao

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  3. Danke!

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  4. Bonhoeffer ist einer meiner Lieblingsautoren.
    Siegfried Fietz hat seine Worte gut vertont- bewegend.
    Es stimmt, wahre Liebe lernt vom Kreuz.
    Danke für die Worte und Gedanken.
    Gruss Eleonore

    P.s. mein PC macht mir grade so Freude, hab ihn
    noch nicht lange. Konnte sogar den Filmausschnitt
    und das wunderschön, beruhigende Lied:
    Von guten Mä. nach Arbeitstag anhören.DAnke.

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  5. […] die ich über die Verbindung von Dietrich Bonhoeffer zu seiner Verlobten, Maria von Wedemeyer, hier veröffentlichte, sehe ich inzwischen Dank zwei privater Zuschriften etwas […]

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