Verfasst von: Hao | 18. Dezember 2009

Bei Gott bist Du nicht verlassen


Freitag, 18. Dezember 2009

Der HERR, unser Gott, hat uns behütet auf dem ganzen Wege, den wir gezogen sind.
Josua 24,17

Jesus betete: Solange ich bei ihnen war, erhielt ich sie in deinem Namen, den du mir gegeben hast, und ich habe sie bewahrt, und keiner von ihnen ist verloren.
Johannes 17,12

Das tut schon weh, wenn man Dinge verloren hat. Wer meinen Blog verfolgt, hat sicher schon oft schmunzeln müssen, was bei mir alles schon einmal temporär verschwunden ist. Eigentlich müsste ich der beste Kunde im Fundbüro sein, wenn ich nicht alles manchmal nach Monaten, im Haus wieder auffinden würde. Es ist ein schwacher Trost, dass auch andere Dinge verlieren. Davon kann ich mir auch nichts kaufen.

Doch nicht nur materielle Dinge kann man verlieren. Peinlich wird es, wenn man Namen vergisst. Da gibt es in meiner Gemeinde einen Bruder, dessen Namen ich immer wieder vergesse. Und dann sitze ich im Gottesdienst und überlege die ganze Zeit. Ich will mich doch nicht blamieren. Bis vor wenigen Wochen war es noch so. Er begrüße mich auch immer sehr freundlich, aber meinen Namen hörte ich auch nicht.

Doch kürzlich nannte er zum ersten Mal meinen Namen. „Guten Tag, Hans Otto“ Und ob ihrs glaubt oder nicht: Seit dieser Zeit habe ich seinen Namen nicht mehr vergessen und kann mich jetzt wieder voll auf die Predigt konzentrieren.

Wie gut, dass Jesus nicht so vergesslich ist. Nein, er hat Deinen und meinen Namen nicht vergessen. Wenn ich bedenke, dass ich nicht der einzige Christ bin…. Seine Datenbank, die er im Kopf hat, möchte ich schon haben.

Klar, die Gabe der Erinnerung hat nicht jeder. So ein Langzeitgedächtnis ist schon eine feine Sache. Manchmal denke ich mir, ob ein solches Gedenken an vergangene Dinge nicht auch mit der Liebe zu tun hat, mit der ich damals an die Sache rangegangen bin. Liebe treibt alle Oberflächlichkeit aus, hilft mir auch Einzelheiten zu bewahren.

Und wenn ich eines Tages auch diese Sachen und den Rest der Welt vergessen würde: Jesus wird selbst dafür sorgen, dass in solchen Fällen immer ein Mensch in meiner Nähe sein wird, der mich daran erinnert, was Jesus einmal gebetet hat:

„Solange ich bei ihnen war, erhielt ich sie in deinem Namen, den du mir gegeben hast, und ich habe sie bewahrt, und keiner von ihnen ist verloren“

Der Winter hat Deutschland fest im Griff. Den Hao auch. So schnell kommt er morgens nicht mehr aus dem Bett, wie das noch im Sommer oder Herbst war. Das kalte Wetter zwingt einen förmlich sich noch einmal umzudrehen. Ich kann es mir ja auch erlauben und aller Welt davon berichten, ohne dass man denkt ich sei zu faul zum arbeiten. Ist auch schon eine nette Hürde, die ich da genommen hab.

Trotzdem stehe ich heute schon vor 8 Uhr auf, es liegt vi
el an. Ein Blick aus dem Fenster lässt mich frieren: Der erste Schnee in diesem Jahr. Nun ist der Winter da, auch wenn es terminlich noch nicht so ganz passt. Ob ich mich freue? Kann ich nicht sagen. Seit ich Hausbesitzer bin, stehe ich nicht besonders auf diese Jahreszeit, ist sie doch stets mit zusätzlichen Arbeiten verbunden.

So fege ich brav meinen Bürgersteig: Wat mut, dat mut.
Dann schnappe ich mir noch einmal die Predigt, die einige Tage in meinem Ordner geschmort hat. Ich lasse sie mir laut vorlesen. Dann lese ich sie mir vor. Immer noch entdecke ich einige Stellen, die veränderungswürdig sind.

Langsam mache ich mich auf den Weg auf den Friedhof. Im Radio höre ich, dass sich die Tochter Zion mal wieder freuen soll. Ein richtiger Ohrwurm. Sollte ich mal was drüber schreiben. Ich fahre langsam, habe ich doch schon den ersten Wagen im Graben entdeckt. Seit dem ich in den 90ger Jahren das richte Fahren bei Schnee im Erzgebirge gelernt habe, besitze ich ein gutes Gespür für rutschende Autos, woraus ich nun Profit schlagen kann.

Nur wenige Wagen stehen auf dem Parkplatz. Das habe ich mir aber schon vorher gedacht.

Durch die schneidende Kälte ist der Weg zur Kapelle fast eine Tortur. Offensichtlich habe ich einen Sommermantel angezogen, denn er schützt nicht sonderlich vor der bitteren Kälte. Hab mich aber dennoch nicht vergriffen, weil es diesbezüglich in meinem Kleiderschrank nichts zu greifen gibt, jedenfalls nichts Warmes, was Mann auch zu einer Beerdigung im Winter tragen kann. Wer hat damit schon gerechtet????

Die Organistin scheint mich zu kennen und freut sich, dass sie mich seit langer Zeit mal wieder sieht. Oft war ich im Altenkreis, in dem sie die Orgel spielte. Aber damals habe ich mich mehr auf die Alten und nicht auf die Musik konzentriert. Ich berichte ihr, was in den letzten Jahren passiert ist: „Preis den Herrn“, meinte sie. Ich bin bei solchen spontanen Aussagen immer etwas zurückhaltend, aber hier fühlte ich mich zu einem Echo hingezogen. Wat mut, dat mut, schließlich hat Gott das mit meiner Genesung schon ganz schön hinbekommen.

Wie nicht anders zu erwarten, ist nur eine Hand voller Trauergäste anwesend. Aber immerhin: Jeder Mensch braucht Trost, auch wenn es die Träger sind, die, wenn es wärmer gewesen wäre, sicherlich draußen gewartet hätten. Wie Marionetten sitzen sie nebeneinander, rühren sich kaum, es ist ja ihre Arbeit. Nein, sie singen auch nicht mit, obwohl sie sich an den Liederheften festhalten.

Der Weg zum Grab ist nicht weit. Es ist ein kleiner Friedhof mit kurzen Wegen. Ehe ich mich richtig verpackt habe, stehe ich schon vor dem offenen Grab. Da alles verschneit ist, ist der einzige dunkle Fleck die Grabstelle. Sieht fast wie ein Höllenschlund aus, dunkel und gefährlich.

Ich schaue ins Grab erinnere mich an jene Aussage meiner Ärztin. „Weihnachten kann es für sie eng werden.“ Ich halte dagegen: „Preis den Herrn“.

Asche zu Asche… Der Sand ist gefroren. Ich schaffe es nicht das beiligende Schippchen zu nehmen, auch wenn ich mir dreckige Finger hole. Wie Donnerschläge hört es sich an, wenn die Klumpen auf den Sarg fallen. Ich zucke richtig zusammen. Sollte ich nicht da liegen? Es ist meine erste Beerdigung seit meiner Krebsgeschichte. Vielleicht total aus der Übung gekommen oder darin noch nie Übung gehabt? Das wird es sein.

„Der Tot ist verschlungen in den Sieg…“ Wie ich das 15. Kapitel des ersten Korintherbriefes liebe. Eine Pflichtlektüre für alle Christen, ein unverrückbarer Mittelpunkt des christlichen Glaubens nicht nur bei einer Beerdigung. Seit der ersten Beerdigung, die ich im April 1986 für meinen Vater halten musste, als ich der Trauergemeinde, die zur Verabschiedung zur Beerdigung meines Vaters gekommen war, dieses zusagte, erlebe ich in diesen Worten eine Kraft und Allmacht, die ich sonst noch nie im Leben erlebte. Auferstehung trotz des offenen Grabes, trotz der Erde, die auf den Sarg knallt. Welch schöne Aussichten. Mehr kann man sich doch gar nicht wünschen.


Ich will mich wieder auf den Weg machen, da stehe ich vor meinem verschlossenen und eingeschneiten Wagen. Kein Problem, ich habe den Schlüssel in der Sakristei liegen gelassen. Wieder durch die Kälte zurück. Da spricht mich die Leiterin des Beerdigungsinstitutes an. Offensichtlich ist sie mit meiner Arbeit zufrieden. Ich gebe ihr eine Visitenkarte. Zeit habe ich ja… Jetzt jedenfalls noch.

Wie ich es hasse mit meinen aufgepeitschten Gefühlen, die nach einer Beerdigung wieder von Gott beruhigt werden müssen, in einen leeren Kobel kommen zu müssen. Heute habe ich nicht einmal den Puffer einer Nachfeier. Wie schön, dass mich meine Lieblingsdiakonisse zum verspäteten Mittagessen eingeladen hat, wo ich mich bei einem warmen Tee erst einmal wieder aufwärmen kann. Es tut gut besonders gut, wenn man in solchen Situationen nicht allein zu sein braucht.

Auf dem Rückweg lasse ich noch einmal das Leben der Verstorbenen vorbei ziehen.

40 Minuten für ein langes und erfülltes Leben. Eigentlich etwas zu wenig. Das denke ich immer, wenn ich von einer Beerdigung komme.

Schnell ziehe ich meinen Anzug aus, hänge ihn nicht einmal in den Schrank, denn am Sonntag brauche ich ihn ja schon wieder.

Um 16 Uhr sitze ich wieder in meinem Arbeitszimmer und mache die MP3 vom Nachmittag fertig. Ich hab es mir angewöhnt meine Reden aufzuzeichnen und zu archivieren. So kann ich auch akustisch feststellen, wie sich doch meine Sprache im Lauf der Zeit geändert hat. Außerdem stelle ich so auch immer wieder Fehler fest, die es das nächste Mal zu verbessern gilt. Wollte immer mal einen diesbezüglichen Kurs belegen, weil ich glaube, dass eine Predigt auch von der Modulation der Sprache abhängt. Ich bin an dieser Stelle dem Johanneum immer noch sehr dankbar, dass wir bei unseren vielen Probepredigten, die wir Brüder zu halten hatten, lediglich eine Bibel mit auf die Kanzel nehmen durften. Fleißarbeit ist angesagt. Aussprache und Inhalt sollten sich schon ergänzen.

Mein Computer spinnt mal wieder. Kein Wunder, hatte ja auch schon lange Zeit kein neues Image mehr aufgespielt. Nachdem ich dann unter meinen zahlreichen Festplatten die richtige gefunden habe, ist der Rest ein Kinderspiel. Dass ich aber meinen vorgeschriebenen Blog von heute vergessen habe zu sichern und ihn anschließend noch einmal schreiben musste, nimmt der Hao dem Hao sehr übel.

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Responses

  1. Mir war nicht klar, dass es die erste Beerdigungsansprache nach Deiner Krebsgeschichte war, die Du jetzt gehalten hast. Da kommen noch einmal ganz andere Gefühle hoch. Wie gut, dass da Schwester Traudel eine offene Tür (und eine warme Mahlzeit) hatte. Sie hat „Engeldienste“ getan.

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