Verfasst von: Hao | 26. Oktober 2009

Einmal Hölle und zurück


Montag, 26.10.2009

Wenn ihr doch heute auf seine Stimme hören wolltet: »Verstocket euer Herz nicht.« Psalm 95,7-8

Während Petrus redete, fiel der Heilige Geist auf alle, die dem Wort zuhörten. Apostelgeschichte 10,44

Ein Hindu hatte schon lange die Predigt des Evangeliums gehört und erklärte öfter, es sei alles wahr. Aber er konnte sich nicht dazu entschließen, Christ zu werden. „Ich muss es mir ordentlich überlegen”, sagte er, „es eilt ja nicht.”

Da wurde er krank. Nun ließ er sofort den Missionar zu sich bitten, der sich auch auf die ärztliche Kunst verstand. Der Missionar kam, betete für ihn und ließ ihm dann eine Flasche Medizin bringen. Darauf stand: „Ein Esslöffel voll heute übers Jahr einzunehmen.”

Der kranke Hindu war erstaunt, und sofort schickte er einen Boten zum Missionar mit dem Bescheid, er müsse eine Medizin haben, die er sogleich einnehmen könne. Nun kam eine Flasche mit der Aufschrift: „Heute in einem Monat einzunehmen.”

Skulptur LimburgDer Kranke wurde ärgerlich. „Ich kann doch nicht einen ganzen Monat warten!” schimpfte er. „Wer weiß, ob ich nicht vorher sterbe. Geh noch einmal zum Missionar”, befahl er dem Boten, „und sage ihm, er möge noch einmal zu mir kommen.”

Der Diener kehrte zurück mit der Nachricht: „Morgen will der Missionar dich noch einmal untersuchen.”„Nein”, rief da der Hindu, „was hilft es mir, wenn er morgen kommt, ich aber heute sterbe!”

Noch während er so sprach, trat der Missionar in das Krankenzimmer, flößte dem verärgerten und verängstigten Kranken die heilsame Medizin ein und sagte mild: „Mein Freund, warum konntest du nicht warten, als es um dein irdisches Leben ging? Da war keine Zeit mehr, nicht ein Jahr, nicht ein Monat, nicht einmal ein Tag, sondern da musste es heute sein. Aber wenn es sich um das Heil deiner kranken Seele handelt, dann willst du warten und immer wieder warten?”

Was schieben wir auf, obwohl wir eigentlich keine Zeit mehr haben? Was machen wir stattdessen umgehend, obwohl wir doch viel Zeit für wichtigere Sachen hätten?

Heute fahre ich an einen Ort, den Gott besser nicht geschaffen hätte, obwohl er sehr malerisch mitten in der Lüneburger Heide liegt. Ich rede von dem  KZ Bergen-Belsen, nur 65 Kilometer von meinem Kobel entfernt.

33Bergen BelsenDas Wetter ist entsprechend düster, es regnet und drückt noch mehr die Stimmung. Die Blätter können sich schon lange nicht mehr an den Zweigen halten. Aber kann ich überhaupt von einer Stimmung sprechen, wenn ich genau weiß, dass ich mich gleich an einem Ort befinde, an dem vor 60 Jahren die Hölle auf Erden herrschte? Wohl kaum.
Seit meinem letzten Besuch hat sich viel geändert. Anfang der 80ger Jahre war ich schon einmal dort, ich finde mich kaum noch zurecht. Ein rund 200 Meter langes Betongebäude, kein Klotz, sondern trotz des Materials fast filigraner gestaltet, beherbergt die Geschichte des KZs, in dem schätzungsweise 70-80.000 Menschen ermordet wurden.

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Am Ende des langen Ausstellungsschlauches eine Glasfront mit einem bedrückenden Blick auf das ehemalige KZ-Gelände.
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Ich sehe die Bilder der Mörder,
Moerderin
aber auch die der Gemordeten und Hingeschlachteten.

Opfer

Im Boden eingelassen Fundstücke von Opfern, liebevoll zusammengetragen. Man wagt nicht die Glasplatten zu betreten und das nicht aus Angst vor Materialbruch, sondern vor Erfurcht vor den verrosteten Hinterlassenschaften der Ermordeten.

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Eine lange schmale bedrückende Betongasse, welche  in die „malerische Heide“ führt. An jeder Stelle ist das Gelände mit Blut getränkt. Hier redet man nicht mehr, Worte ersterben, bevor man sie formuliert. Es kann nur noch geflüstert werden, wenn man es schafft seine Sprachlosigkeit in stammelnden Worten zu fassen vermag. Nein, hier hat man nichts mehr zu sagen, jedes Wort ist überflüssig und störend.

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Auf den Umrandungen der Massengräber liegen kleine Steine. Juden schmücken bekanntlich die Gräber ihrer Lieben nicht mit Blumen, sondern legen als Dank und Erinnerung einen kleinen Stein ab.

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Leichter Sprühregen setzt ein. Ich setze meinen Gang still fort. Da, das Grab von Anne Frank. Natürlich weiß man nicht, wo ihre Leiche auf dem riesigen Gelände verscharrt wurde.

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Aber hier ist ein Ort der Trauer, hier hat sie Platz.
Kein Kreuz, kein Altar an und in dem Haus der Stille. Eine Art begehbare Skulptur. Fast gespenstisch der Innenraum bei dem ich das Gefühl habe, dass schon mein Atem zu laut ist.

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Ich sehe kaum Besucher. Kein Wunder, das Wetter lädt nicht zu einem Ausflug ein. Ich schaue mir ein riesiges Kreuz an, was polnische Gefangene 1945 aufgerichtet haben. Zum Glück habe ich mich warm angezogen, sonst würde ich jetzt frieren.
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Fundamentreste, steinerne Zeugen einer verbrecherischen Naziherrschaft, von einer dicken Moosschicht überwuchert. Und immer wieder Massengräber, vielleicht einen Meter hoch angeschüttet. Sie wollen kein Ende nehmen. Die Beschriftungen sind bis auf die Zahlen alle gleich. Hier ruhen 1000 Tote, April 1945.

Mahnschrift
Ein großer Obelisk erinnert an die Ermordeten. Auch hier überall kleine Steine. Sie scheinen lieblos durcheinander zu liegen, wirken fast störend, vermitteln ein Bild der Unordnung. Doch jeder Stein wurde mit Bedacht und unter Tränen hier abgelegt.“39Bergen Belsen

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Der stärker werdende Regen verkürzt eine weitere Besichtigung des Geländes. Ich habe schon genug gesehen. Höllen können unterschiedliche Gesichter haben, aber die von den Nazis, ob hier, oder in anderen KZs bzw. Gedenkstätten, die ich gesehen habe, wie die Hinrichtungsstätte Berlin-Plötzensee, die Feldscheune in Gardelegen, sowie die KZs Sachsenhausen, Mittelbau- Dora, Buchenwald und Dachau sehen im Grunde alle gleich  aus. Sie haben alle eine Fratze, nämlich die eines dämonischen nazistischen Übermenschen, der andere „nichtarische Kreaturen“ eiskalt umbringen lies.
Szenenwechsel: Auf der Rückfahrt eine Stippvisite durch das malerische in der Dunkelheit versinkende Celle. 54Bergen BelsenDoch die vielen Lichter, die wunderschönen mittelalterlichen hell angestrahlten Häuserfronten können mich heute nicht begeistern und erfreuen. Zu Dunkel ist es, wenn ich mich an den Nachmittag erinnere. Auch hier kann ich nur hilflos schreien: „Herr, erbarme Dich!
20 Uhr: Ich bin wieder in meinem Kobel. Meine Stimmung ist mehr als gedrückt. Ich kann nicht einfach abschalten. Ich höre leise klassische Musik und schreibe meinen Blog, der doch niemals auch annähernd nur ein Bruchstück des Leides von damals in Buchstaben kleiden kann.

Immer wieder dringen Stimmen an mein Ohr: „Vergesst das Ganze, das ist schon so lange her!“ „Nein“, schreie ich, auch mit meinem Blog, „niemals nie“. Die Gedenkstätten haben keinen Selbstzweck, sondern sind und bleiben mahnende Zeitzeugen einer Vergangenheit, die uns Deutsche bis in die Ewigkeit anklagen wird, denn Vergessen und Verharmlosen des Gestrigen ist der Nährboden für eine braune Saat, die immer wieder aufsprießen will.
Am Abend frage ich mich, was ich wohl gemacht hätte, wenn ich 40 Jahre früher geboren wäre? Hätte man mich Betroffenunter den Opfern oder bei den Tätern gefunden? Oder bei den Menschen, die angeblich nichts wussten. Ich weiß es nicht, würde mir aber unter Unständen alle Varianten zutrauen, denn Hähne haben nicht nur vor 2000 Jahren gekräht und somit angezeigt, wozu der Mensch fähig ist, der sagt: „Ich würde Dich niemals verraten!“

 


Responses

  1. Sehr schöner Bericht
    Ich war in der 9. Klasse mal imKZ Buchenwald, mir ging es ähnlich wie dir. Man traut sich fast nicht etwas zu sagen, man schämt sich für dumme Kommentare der Mitschüler, man bekommt im ehemaligen Kreamtorium Gänsehaus und möchte nur noch raus.
    Die Sachen die ich damals anhatte als wir dort waren hab ich nie wieder getragen, warum weis ich nicht, ich konnte es einfach nicht.

    LG Disns

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    • Danke für Deine Zeilen. Das glaube ich Dir, wenn Du die Sachen nicht nicht mehr angezogen hast. Ich brauche auch erst einmal eine lange Zeit, um das zu verdauen, obwohl ich mich in der Geschichte des Dritten Reiches sehr gut auskenne und schon so manches KZ besichtigt habe. Ich werde in unregelmäßigen Abständen, so lange ich gesundheitlich dazu in der Lage bin, solche Besuche machen.

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  2. Hallo lieber Hao,
    mich hat deine Schilderung auch erschüttert. Ich kenne Buchenwald schon seit meiner Kindheit. Wir wurden als Kinder in der DDR schon ziemlich zeitig mit den KZs konfrontiert. Nun war ich vor 5 Jahren wieder einmal im KZ Buchenwald und sehr erstaunt über die Veränderung. Damals bei meinem 1. Besuch standen noch die alten Holzbaracken und die Geniclschussanlage befand sich noch im gleichen Raum. es war erschütternd, alles so identisch. Ich habe das nie vergessen!
    Diesmal trug dieser traurige Ort eher den Charakter eines Museums, doch das ist nicht das wesentliche. Wesentlich und wichtig ist, dass wir diesen dunklen Teil deutscher Geschichte allesamt nicht vergessen, auch nicht die heranwachsenden Generationen.
    Ich habe ein liebe israelische Bekannte, die das Erlebte im 3. Reich durch Malen verarbeitet. Sie reist genau aus diesem Grunde immer noch um den Erdball und stellt ihre Dokumente aus und erzählt in Schulen von dieser Zeit. Sie war übrigens in Bergen-Belsen und hat überlebt, ihr Vater nicht.
    Gruß Anne, die recht betroffen ist …

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  3. Ja,danke für deinen Bericht!
    Wie schwer sich immer noch mit der Aufarbeitung getan wird,und wie groß der Wunsch der Verdrängung ist,haben wie auch hier mitbekommen.So ein Gelände will keiner in seiner Nähe haben-nicht mehr schmerzhaft sichtbar,erinnernd…
    http://www.gedenkstaette-sandbostel.de/index.htm

    Sabine

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    • Die Gedenkstätte kenne ich auch noch nicht. Ein weißer Fleck auf meiner Geschichtskarte, den ich beseititgen muss. Danke für den Hinweis.

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  4. Ja, du hast Recht mit „Vergessen und Verharmlosen des Gestrigen ist der Nährboden für eine braune Saat, die immer wieder aufsprießen will.“
    Denn diejenigen, die wieder ‚mitmachen‘ würden, die sind auch heute wieder vorhanden – leider :(

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