Verfasst von: Hao | 9. März 2009

Bolzplatz kontra Kirche


David schreibt in Psalm 27: „Herr, ich habe lieb die Stätte Deines Hauses.“ Daran musste ich letzte Woche beim Zeitungslesen denken. Ich entdeckte eine schlimme Meldung. Am helllichten Tag wurde vor einem Bahnhof einer Kreisstadt am Südrand der Lüneburger Heide ein 13-jähriger Schüler brutal überfallen und zusammengeschlagen. Umherstehende Passanten schauten laut der Meldung weg und griffen nicht ein, um dem Kind zu helfen. Ich nahm diese Zeitungsnotiz mit großer Betroffenheit zur Kenntnis. Die Geschichte ging mir das ganze Wochenende nach. Ich konnte weder die drei jugendlichen Täter noch die Wegseher begreifen.

fussball2Als ich am darauf folgenden Montag die Zeitung aufschlug, verstand ich noch weniger. Ich las unter der Überschrift „Konfirmand erfand Überfall am Bahnhof“, dass der Übergriff von dem 13-Jährigen erfunden war. Er stellte sich in Begleitung seines Vaters freiwillig der Polizei. Hier räumte er ein, dass er sich die Prügelei nur ausgedacht hatte. Grund: Der Junge hatte keine Lust auf Konfirmandenunterricht und ging lieber mit einem Freund auf den Bolzplatz. Da er nicht zum ersten Mal schwänzte, erfand er aus Angst vor den Konsequenzen den Überfall.

polizeiZugegeben, der Junge war nicht dumm, sondern äußerst clever. Die Geschichte glaubhaft an den Mann zu bringen – dazu gehört schon etwas. Doch aus der anfänglichen Schwindelei wurde ganz schnell ein Vergehen, was der Gesetzgeber hart bestraft.  Ein vorgetäuschter schwerer Überfall, deren Auswirkungen das Kind offensichtlich gar nicht absehen konnte, denn das Anzeigen einer falschen Straftat ist nicht gerade eine Bagatelle.

Ich frage mich: Was steckt hinter dieser Geschichte? Wahrscheinlich spielten viele Faktoren eine Rolle. Der Auslöser war die totale Unlust, den Konfirmandenunterricht zu besuchen. Und so oder ähnlich könnten fiktive Aussagen der Betroffen geklungen haben:

Der Sohn
„Was soll ich da? Ich kann mit de
fussball4m ganzen Glaubenszeug nicht viel anfangen. Das geht mir so was von auf den Senkel. Ich muss doch nur da antanzen, weil alle gehen müssen. Klar, da springt am Ende schon einiges für mich raus. Das ist eine Entschädigung. Aber ich habe heute einfach keinen Bock. Ich gehöre auf den Bolzplatz und nicht in die Kirche. Aber irgendwas muss ich mir schon einfallen lassen, sonst fällt es noch auf“.

Die Eltern
„Wir geben ja zu, dass wir unser Kind damals nur auf dem Hintergrund des kippenden Familienfriedens taufen ließen. Für uns war doch alles nur eine Tradition. Dass die Folge nun die Konfirmation ist un
fussball-5d sich im Umfeld dieses Problem ergibt, haben wir auch nicht bedacht. Wir sind bisher ja sehr liberal mit der ganzen Sache umgegangen, aber wenn wir ehrlich sind, haben wir die christliche Erziehung noch nie ernst genommen. Trotzdem müssen wir durchgreifen. Schwänzen ist nicht. Nach der Konfirmation kann unser Sohn mit Kirche machen, was er will, aber jetzt muss er erst einmal die zwei Jahre über sich ergehen lassen“.

Der Pastor
„Ich tue nur meine Pflicht. Vor allem habe ich die Konfirmanden nie so ran genommen, wie ich es in meiner Jugend erlebt habe. Da haben wir uns noch zwei Mal pro Woche getroffen. Das war echter Stress, vor allen Dingen die Prüfung vor der Konfirmation“.

fussball6Aus welcher Sicht die Geschichte auch betrachtet wird – es bleibt neben der Tatsache, dass der Junge viel lieber zum Bolzplatz als zum Konfirmandenunterricht geht, eine Frage übrig: Wie ist diese panische Angst zustande gekommen, die ihn diese Geschichte erfinden ließ? Dabei hat der Junge noch Glück gehabt. Vor einer empfindlichen Strafe hat ihn nur die Tatsache geschützt, dass er noch nicht strafmündig war.

War denn im Vorfeld kein Raum für ein Gespräch? Und was ist wohl das Ergebnis, wenn das Evangelium mit einem derartigen Druck vermittelt wird, dass sich ein Kind eine solche „Ausrede“ einfallen lassen muss? Haben nicht auch die Eltern versagt, indem sie ihrem pubertierenden Sohn vielleicht nicht das Evangelium vorlebten? Es kann doch einfach nicht sein, dass das Schwänzen des Konfirmandenunterrichtes zu einer vorgetäuschten Straftat führt.

fussball-1Ich glaube, dass den „Übeltäter“, also das Kind, die geringste Schuld trifft. Es konnte sich auf dem Hintergrund einer drohenden Strafe offensichtlich nicht anders verhalten. Der Junge sah keinen anderen Ausweg mehr. Ich wünsche mir, dass die Eltern und der Geistliche das Geschehen aufarbeiten, um ein für alle Mal das Element der Angst in Verbindung mit dem Glauben zu verbannen. Vielleicht kann dann auch der betroffene Jugendliche eines Tages sagen: „Herr, ich habe lieb die Stätte Deines Hauses…“

Ach ja: Welche Ausrede hättest Du als Kind gewählt? Welche Ausrede benutzt Du heute, wenn Du am Sonntagmorgen die Glocken läuten hörst und den Kampf mit dem Kopfkissen verloren hast?


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Responses

  1. Nun…..mein Konfirmandenunterricht ging an mir vorbei….nicht anders als der gängige Schulunterricht….und ich weiß so gut wie nichts mehr davon (meine Eltern haben sich ‚offensichtlich‘ nicht groß um Geistliches gekümmert). Was mir aber geblieben ist – weil es an der Stelle persönlich wurde und auch mein K-Spruch so lautet – ist das Wort aus Röm. 1,16:
    “ Denn ich schäme mich des Evangeliums nicht, ist es doch Gottes
    Kraft zum Heil jedem Glaubenden, sowohl dem Juden zuerst als
    auch dem Griechen.“

    Liken


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