Verfasst von: andy55 | 8. November 2008

Getröstete Einsamkeit


damp8. November 2008

„Wer kann merken, wie oft er fehlet? Verzeihe mir die verborgenen Sünden!“ Psalm 19,13

„Gott hat den Heiligen Geist über uns reichlich ausgegossen durch Jesus Christus, unsern Heiland, damit wir, durch dessen Gnade gerecht geworden, Erben des ewigen Lebens würden nach unsrer Hoffnung.“ Titus 3,6-7

Tennessee Williams hat ein Bühnenstück geschrieben: „Die Katze auf dem heißen Blechdach.“ Im Mittelpunkt steht der reiche und hungrige Big Daddy, der aus der Klinik entlassen wurde. Die Familie weiß, dass er sterben wird, weil er unheilbar krank ist. Aber sie spielen ihm alle Theater vor. Big Daddy sieht sein Leben zwischen den Fingern zerrinnen. Er steht im Zimmer mit seinem Sohn Brick allein und sagt, indem er auf die verschiedensten Gegenstände zeigt, die er mit Big Mama in Europa während einer Reise gekauft hat:

„… Wohin sie kam auf dieser Wahnsinnstour, überall hat sie gekauft. Ich kann von Glück sagen, dass ich ein reicher Mann bin, Brick … Weißt du, wie viel ich habe? Fast zehn Millionen in bar und außerdem Wertpapiere, und 28 000 Morgen des fruchtbaren Landes diesseits des Mississippi. Aber ein Mann kann sich damit nicht ein Leben kaufen, er kann sich sein Leben nicht zurückkaufen, wenn sein Leben einmal zu Ende geht. Das ist eine Sache, die sie auf dem europäischen Trödelmarkt nicht verkaufen … Ja, das Menschentier ist ein Biest, das stirbt, und wenn es Geld in die Finger bekommt, dann kauft und kauft es, der Grund ist die wahnsinnige Idee, da irgendwo in seinem Hinterkopf, dass es sich ewiges Leben – ewiges Leben – kaufen könnte und es natürlich nie kann – hörst du mir zu?“ – Keine Antwort.

Ein wunderschöner Tag, keine einzige Wolke am Himmel, es weht kaum ein Lüftchen. Wie bestellt für einen Samstag, an dem ich lediglich einmal zum Bewegungsbad ins Wasser muss. Wir sind nur zu fünft. Offensichtlich haben die anderen keine Lust oder sind schon gar nicht mehr im Hause.

huhnerschreck-und-klippenSofort nach dem Mittagessen geht es los. Ich ziehe mich warm an, schnappe mir meinen Hühnerschreck, aus Sicherheitsgründen fülle ich noch den Tank auf, dann geht es an die Steilküste, die ich komplett abfahre, bis ich nach Damp komme. Dieser Ort besteht aber, wie ich sehen kann, ausschließlich aus einer riesigen Reha und einem großen Hotelkomplex sowie einer kleinen Einkaufszeile, alles auf die Schnelle aus dem Boden gestampft. Das hätte ich mir auch sparen können.

Leicht enttäuscht fahre ich den gleichen Weg wieder zurück, um mich dann am hiesigen Strand noch einmal für eine Stunde niederzulassen. Bei der Betrachtung des Meeres fange ich an zu träumen und denke daran, wie ich als 13 Jähriger zum ersten mal in Scheveningen das Meer gesehen habe. Das Erlebnis hat sich so tief bei mir eingeprägt, dass ich heute noch weiß, welchen Schlager die Leute am Strand hörten, nämlich „I Got You Babe“, von Sanny and Cher. Dabei war ich nur für einige Stunden dort, denn meine Eltern hatten für eine Übernachtung kein Geld.

schaumIch stelle mich rund 30 Minuten an den Strand. Das Meer hat für mich einen besonderen Reiz, denn hier spüre ich überdeutlich eine Art „getröstete Einsamkeit“. Der Mensch im Blick auf die Unendlichkeit. Dann fällt mir immer das Lied: „Herr, Deine Liebe ist wie Gras und Ufer, wie Wind und Weite und wie ein Zuhaus,“ ein. Ich schaue mir lange das Wellenspiel an. Mit jeder neuen Welle wird der Sand bewegt und bildet im Kleinen eine neue Umgebung, die aber nur Sekunden hält, um sich dann bei der nächsten Welle wieder neu gestalten zu lassen. Und das geht schon seit Jahrtausenden. Ich kann mich nicht satt sehen und beobachte, wie der Schaum sich bildet, zusammenschließt, um im nächsten Moment wieder in kleinere Schaumkronen zu zerfallen. Interessanter als jedes TV-Programm.
Wenn ich hier wohnen würde, man könnte mich wohl nur am Strand antreffen.

Gegen 16 Uhr bin ich schon wieder in meinem Kobel. Es reicht auch für heute, denn am Abend möchte ich noch ein volksmusikalisches Konzert besuchen. Hab doch nicht umsonst meine Lederhose mitgenommen.

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Responses

  1. Auch in Gemeinschaft ist man in seinem Innersten allein. Aber diese Einsamkeit verdrängt man.
    Man kann jedoch für Gott eine Tür öffenen und sich so von weltlichen Abhängigkeiten lösen. Denn diese müssen oft auch bezahlt werden und sind nicht der Weg zum Vater..

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    • Nein, ich glaube immer noch an eine Gemeinschaft, in der man innerlich nicht allein ist. Das ist mir zu einfach. Du kannst doch nicht eine perfekte Gemeinschaft zwischen Menschen als „weltliche Abhängigkeit“ bezeichnen….

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      • Nun, ich meinte da eher die gottfernen Mechanismen, durch die man als Rebe verdorrt. Man trinkt sozusagen die Säfte dieser Welt, die abhängig machen und unkritisch. Freunde, Kollegen usw. erleichtern einem den Alltag keine Frage!
        Im Innersten allein ist man zB. wenn man krank wird. Der Körper muss das dann irgendwie ausheilen..

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        • Nicht der Körper, Jesus muss es ausheilen.

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        • @Mirjam
          (…die gottfernen Mechanismen…) Tagtäglich begegnet man denen….und doch ist es so, wie Paulus sagt: „…ich bin gewiss, dass nichts uns von der Liebe Gottes trennen kann!“
          Daran halte ich mich – mögen die Säfte der Welt fließen, wie sie wollen ;-)

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  2. Ja, der Mensch ist auf Gemeinschaft angelegt. Wenn Jesus sich nicht in Gemeinschaft begeben hätte, dann wären wir heute noch die allerelendsten.

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    • @Lennart
      Das ist richtig, Lennart.
      Und dennoch richtete sich Jesu ganzes Lehren immer wieder auf die Einsamkeit. Einsamkeit im Sinne der Weltabgeschiedenheit des Denkens und des Handelns. Die
      Menschen laufen oft billigen Lehren hinterher, um sich durch Gleichschaltung verstanden und angenommen zu fühlen. Klar, man kann in einer Gruppe sein, man darf aber nicht sein Denken aufgeben, nur um in einer Gemeinschaft zu bleiben.

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  3. @Mirjam
    Ja….kann ich nach vollziehen….deinen Gedankengang.

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